Achte auf dich
Die detaillierte Beschreibung einer Fehlgeburt kann mit Sicherheit schlimm sein und dich eventuell verunsichern, wenn du oder dein*e Partner*in schwanger sind. Überlege dir also, ob du den Bericht wirklich lesen möchtest und achte während des Lesens darauf, ob es dir zu viel wird und du lieber aufhörst.
Wenn du dich für eine natürliche Fehlgeburt entscheidest, bleibe dabei nicht alleine! Organisiere dir eine Vertrauensperson oder eine Hebamme, die dich begleitet! Zur psychischen Unterstützung, aber auch, falls du ohnmächtig werden solltest.
Chronik meiner Fehlgeburt
Ende Juli wurde ich ungeplant schwanger und habe es durch einen eher zufälligen Schwangerschaftstest, wegen eines schädlichen Medikaments, relativ früh, in der 3. Woche gemerkt. Ich war zunächst geschockt und unentschlossen, habe aber schnell gemerkt, dass ich die Schwangerschaft behalten und meinen lebenslangen und zunehmend starken Kinderwunsch erfüllen möchte. Zunächst schien alles normal und in Ordnung, doch in der siebten Woche bekam ich eine Schmierblutung und kurz später, in der achten Woche, die Diagnose „verhaltene Fehlgeburt“.
Ich war erst mal wie gelähmt und wusste überhaupt nicht, was ich machen soll und was auf mich zukommt. Ich weiß, dass der Embryo zu dieser Zeit noch kein Kind war. Ich hätte ihn sogar noch abtreiben dürfen und ich bin froh, dass es diese Möglichkeit in Deutschland gibt. Ich möchte keinen Abtreibungsgegner*innen in die Hände spielen, denn ich bin für das Recht auf Abtreibung und keine Person muss sich für einen Schwangerschaftsabbruch schämen oder ein schlechtes Gewissen haben. Trotzdem habe ich gefühlt und fühle auch jetzt, dass ich mein Kind verloren habe. Denn ich wollte dieses Kind haben, ich habe mich auf die Geburt gefreut und darauf, mein Leben mit ihm zu verbringen. Ich habe mich auch auf die weitere Schwangerschaft mit all ihren Beschwerden und meinen kugeligen und später ausgeleierten Bauch gefreut. Ich habe das Kind schon früh in meinem Bauch gespürt, ich habe sein Herzchen schlagen sehen und gespürt, wie meine Brüste sich darauf vorbereiten, es zu stillen. Dieser Text ist für Personen, denen es so geht wie mir, die gegen ihren Willen eine Fehlgeburt haben, und deshalb werde ich auch weiterhin von meinem Kind sprechen, da es in meiner Wahrnehmung mein Kind war.
Ich war schlecht bzw. gar nicht auf die Fehlgeburt vorbereitet, ich war alleine und ich habe keinen Bericht gefunden, der in meinen Augen detailliert genug war, um zu wissen, was mich bei der kleinen Geburt erwartet bzw. erwarten kann. Ich möchte, dass niemand nach mir diese Erfahrung machen muss und werde deshalb im Folgenden eine sehr detaillierte Chronik veröffentlichen, wie meine persönliche Fehlgeburt verlaufen ist. Das kann sicherlich verstörend oder beunruhigend sein, deshalb würde ich sensiblen Personen mit einer intakten Schwangerschaft oder akutem Kinderwunsch eher vom Lesen abraten. Auch Personen, die gerade auf die kleine Geburt warten, kann der Bericht eventuell Angst machen und ich möchte betonen, dass mein Verlauf extrem war! Trotzdem bin ich sehr froh, dass ich den Weg der natürlichen Fehlgeburt gegangen bin. Bei den meisten Personen ist die kleine Geburt weniger extrem und es kann auch sein, dass der Abort nur eine starke Blutung ohne Schmerzen ist. Trotzdem will ich meine Geschichte veröffentlichen, als eine Möglichkeit von vielen, und hoffe, dass es noch viele weitere Menschen tun, damit die Bandbreite deutlich wird, und alle besser vorbereitet in die kleine Geburt gehen können. Denn mit besserer Vorbereitung wäre das ganze Ereignis für mich deutlich leichter zu ertragen gewesen.
Ich muss außerdem sagen, dass die kleine Geburt trotz allem ein sehr wichtiges und stärkendes Ereignis für mich war. Ich bin froh, dass ich eine natürliche Fehlgeburt hatte und jetzt weiß, dass mein Körper schwierige Situationen selbst meistern und sich auch wieder erholen kann. Obwohl es für viele ein traumatisches Erlebnis ist, bin ich gestärkt herausgegangen. Ich weiß, dass viele Personen danach berichten, das Gefühl zu haben, wieder Vertrauen in ihren Körper bekommen zu haben, nachdem es durch den Tod des Kindes schwer erschüttert wurde. Auch mir geht es so und obwohl ich mich natürlich auch noch in der Trauerphase befinde und wahrscheinlich für immer trauern werde, kann ich auch Zuversicht und neues Vertrauen schöpfen und fröhliche Momente erleben. Zuletzt möchte ich noch einmal betonen, dass dies meine ganz persönliche Geschichte ist und sich sowohl die Art, Dauer und Form der Trauer, als auch die kleine Geburt von meiner unterscheiden können und das ist ok!
Die erste Schmierblutung kam am letzten Tag der 7. Schwangerschaftswoche (SSW). Das war ein Donnerstag. Ich war mir zuerst unsicher, ob es überhaupt Blut ist, da ich nur einen ganz leicht bräunlichen Ausfluss hatte. Ich habe trotzdem vorsichtshalber bei meiner Ärztin angerufen und sie hat mir einen Termin für den nächsten Morgen gegeben. Im Laufe des Tages kam dann mehr braunes Blut dazu und es war klar, dass ich eine Schmierblutung habe. Ich habe natürlich gehofft, dass es eine harmlose Schmierblutung ist, wie sie in der Schwangerschaft und wohl insbesondere in der 8. Woche auch oft vorkommen. Ich wollte mich nicht unnötig stressen und Sorgen machen, habe aber trotzdem die Schuld bei mir gesucht und dachte: „War es, weil ich heute Fahrrad gefahren bin? Hätte ich mich doch wegsetzen sollen, als neben mir geraucht wurde? Bin ich zu spät ins Bett gegangen? Kommt es vielleicht vom Stress, den ich jetzt durch mein Grübeln nur noch erhöhe?“ – das war natürlich Quatsch, denn ich hatte mit der Blutung überhaupt nichts zu tun, das hat auch meine Ärztin mir später immer wieder ungefragt versichert. Abends lag ich lange wach und habe gegooglet, ich konnte nicht schlafen, aber dachte auch, ich übertreibe bestimmt und es ist nur eine harmlose Blutung.
Am nächsten Tag (Freitag) ging ich morgens zur Ärztin und sie machte einen Ultraschall. Wir konnten das Herz noch schlagen sehen, aber sie sah etwas besorgt aus und sagte „Ja, also das Herz schlägt noch, aber es ist zu klein. Ab jetzt könnte es in beide Richtungen gehen.“ Ich war beunruhigt, vor allem, weil sie so besorgt aussah. Danach hatten wir noch ein Gespräch und sie versicherte mir immer wieder, dass ich nichts falsch gemacht habe. Es könnte aber sein, dass ich übers Wochenende anfinge stärker zu bluten und das dann eine Fehlgeburt wäre. Dass sie mir immer wieder versicherte, dass ich nichts falsch gemacht habe, und dass das nun mal in der frühen Schwangerschaft passieren kann, beunruhigte mich nur noch mehr. Als ich zu Hause war, schaute ich nach, wie groß mein Embryo normalerweise sein sollte: 13 mm. Meiner war aber nur 3,4 mm. Jetzt bekam ich wirklich Angst und fing wieder an zu googlen, fand heraus, dass die Embryos Wachstumsschübe und „Mittagsschläfe“ machen, aber das konnte mich nicht wirklich beruhigen. Ich googlete, wie ich eine Fehlgeburt verhindern kann, was so früh in der Schwangerschaft natürlich auch sinnlos ist, trotzdem versuchte ich, mich zu schonen und nahm Magnesium. Die Blutung hörte wieder auf, was mich etwas beruhigte. Trotzdem war ich das ganze Wochenende über angespannt, ängstlich und traurig und hatte Angst, einen plötzlichen Blutsturz zu erleben, wie es bei Fehlgeburten auch möglich ist.
Am Montag hatte ich wieder einen Termin und ging dummerweise alleine hin. Im Nachhinein hätte ich gerne Unterstützung gehabt, da es ein traumatischer Moment war. Beim Ultraschall dachte ich im ersten Moment, das Kind sei gewachsen und sah hoffnungsvoll auf den Bildschirm, aber dann hörte ich die Worte meiner Ärztin: „Also es gibt keinen Herzschlag mehr“. Ich konnte es nicht glauben. Ich habe die Nachricht in diesem Moment überhaupt nicht richtig aufgenommen. Ich habe sie zwar gehört und auch, was sie mir danach sagte: noch mal, dass ich absolut nichts dafürkönnte und dass man sähe, dass der Embryo und die Fruchtblase schon in Richtung Muttermund wanderten. Dass es jetzt 2 bis 6 Wochen dauern würde, bis die Fehlgeburt einsetzt und, dass es auch die Möglichkeit der Ausschabung gibt, sie mir aber davon abrate, da der Körper es in den allermeisten Fällen auch selber regeln könne und eine Operation Risiken berge. Ich schüttelte nur den Kopf, als sie von der OP sprach, da mir klar war, dass ich das nicht wollte. Sie sagte, ich solle jetzt eine starke Blutung abwarten, und wenn es kräftig geblutet hätte, sollte ich wiederkommen und schauen, ob alles aus der Gebärmutter herausgekommen sei. Über ihre Sätze „Sie sind ja noch jung und Ihr Partner wollte das Kind ja sowieso nicht. Und Sie waren sich ja am Anfang auch nicht ganz sicher“, ärgere ich mich bis heute sehr. Diese Sätze hatten für mich überhaupt nichts mit meiner derzeitigen Situation zu tun, weil ich das Kind ja jetzt wollte, egal was der Vater will, und ich war einfach nur geschockt und traurig. Ich hätte gerne „es tut mir wahnsinnig Leid“ gehört und keine Relativierungen. Ich ging nach draußen und fing an zu weinen. Ich konnte es nicht glauben und dachte immer nur: „Es kann nicht sein, ich versteh gar nichts mehr, wie kann das sein? Wieso ich? Wieso muss das passieren? Es kann nicht sein“. Eigentlich dachte ich bis zur nächsten Schmierblutung, sie habe sich bestimmt vertan und vermessen. Obwohl ich ja selbst gesehen hatte, dass das Herz aufgehört hat zu schlagen.
Die nächsten zwei Wochen waren schlimm. Erst am Tag nach dem Arzttermin schlug die Realität richtig ein und ich realisierte, was passiert war. Irgendwie dachte ich immer noch „sie hat sich vertan“, aber gleichzeitig wurde mir klar, dass ich kein Baby gebären werde. Dass meine Träume und Pläne für das nächste Jahr, die nächsten 2, 3, 4, 5, Jahre, für mein Leben, mit dem Kind gestorben sind. Es war schrecklich. Ich war wie gelähmt, ich war unglaublich traurig, so traurig, dass ich es kaum aushalten konnte. Ich dachte, der Schmerz zerreißt mich, ich konnte eigentlich nichts mehr machen. Ich konnte nicht kochen und nicht einkaufen. Ich wollte nicht rausgehen, weil draußen überall Schwangere und Menschen mit Babys und Kindern waren. Wenn ich doch rausmusste und ein Baby oder eine Schwangere gesehen habe, kamen mir sofort die Tränen. Immer wieder spielte sich die Situation bei der Ärztin vor meinem inneren Auge ab, als sie mir sagte, dass das Herz aufgehört hat, zu schlagen. Ich lag nur auf dem Sofa, habe Dokus und Serien geschaut und geweint. Ich habe gehofft, dass mich jemand anruft oder jemand mit einer Lasagne vor der Tür steht oder sich um mich kümmert, aber das ist nicht passiert. Zum Glück hat aber mein Zwilling, der im selben Haus wohnt, für mich mitgekocht. Gleichzeitig habe ich mich so weit entfernt und isoliert von meinen Freund*innen gefühlt, dass ich es nicht geschafft habe, jemanden anzurufen. Ich konnte einfach nicht mit ihnen sprechen, weil ich das Gefühl hatte, es ist eine riesige Kluft zwischen uns und ich habe etwas erlebt oder erlebe es gerade, was niemand nachvollziehen kann. Freitag fuhr ich ziemlich überstürzt zu meiner Familie ins Ausland und blieb dort eineinhalb Wochen. Ich weinte viel und saß apathisch irgendwo rum, aber ich ging auch alleine und mit meinem Zwilling wandern, was mir sehr geholfen hat, wieder einigermaßen ansprechbar zu werden. Dadurch, dass ich von Zuhause und dem Vater weg war, konnte ich sogar zwischendurch fast vergessen, dass ich mein totes Baby im Bauch hatte. Diese Vorstellung machte mich wahnsinnig und ich hoffte, dass es wenigstens schnell rauskommen würde, wollte es aber gleichzeitig auch nicht verlieren, sondern so lange wie möglich bei bzw. in mir haben. Was mich zusätzlich traurig machte war, dass ich ja wusste, dass der Vater kein Kind wollte, ich also nicht die Möglichkeit haben würde, es bald noch einmal zu versuchen. Ich trank sogar einmal wieder Alkohol, aß rohen Fisch, rosa Fleisch und alles, was ich die letzten Wochen nicht durfte, aber danach wurde ich nur noch trauriger und dachte, ich hätte so gerne auf alles verzichtet, wenn ich dafür weiter schwanger sein könnte. Ich wusste, dass ich Anspruch auf eine Hebamme habe, die mich bei der Fehlgeburt begleitet und ich hätte auch gerne meine Ärztin angerufen und gefragt, was mich genau erwartet, aber obwohl ich nach außen hin funktioniert habe, habe ich mich innerlich gelähmt gefühlt. Ich konnte einfach niemanden anrufen und darüber sprechen. Am zweiten Sonntag, den ich bei meiner Familie war, fühlte ich mich fit genug, um mit meinem Zwilling wieder nach Hause zu fahren, aber zu Hause schlug die Trauer wieder richtig ein. Alles erinnerte an meine Schwangerschaft, da ich so überstürzt losgefahren war, lagen überall noch Schwangerschaftsratgeber, mein Mutterpass, Vitamine herum und ich wurde wieder sehr traurig.
Am nächsten Tag, Montag zwei Wochen nach der Diagnose, bekam ich dann wieder eine Schmierblutung. Im ersten Moment war ich ängstlich und erleichtert zugleich, da ich dachte, endlich ist es soweit und ich kann Abschied nehmen und wieder nach vorne schauen. Gleichzeitig war ich natürlich unendlich traurig. Jetzt wusste ich, dass die Ärztin wirklich Recht gehabt hatte. Ich sagte dem Vater Bescheid, weil ich dachte, es würde jetzt innerhalb von ein bis zwei Stunden losgehen, hatte mich hier aber sehr getäuscht. Jetzt fing ich an zu googlen, wie genau eine Fehlgeburt abläuft bzw. ablaufen kann, aber fand immer nur vage Informationen, bis auf eine Chronik, die mir sehr geholfen hat (https://www.hebammenblog.de/die-kleine-geburt-ein-fehl-geburtsbericht/) und einen Podcast (https://open.spotify.com/episode/6ANGcuTcYS8Dc4u4b4RLFY?si=353bc6ef774f49cf). Noch immer schaffte ich es nicht, meine Ärztin anzurufen, mir eine Hebamme zu organisieren oder jemanden zu bitten, das für mich zu machen.
Über die Woche nahm die Schmierblutung zu und es kam nach und nach frisches, rotes Blut dazu. Jetzt wusste ich, dass es bald losgeht. Ich kochte kannenweise Yogi- und scharfen Ingwertee und aß indisches Essen, weil Ingwer, Zimt, Kardamom und Schärfe wehenfördernd wirken.
Donnerstag bekam ich dann einen immer stärkeren Druck auf dem Bauch und mein Unterleib fühlte sich auf eine merkwürdige Art offen an. Jetzt dachte ich, dass es wirklich jeden Moment losgehen kann und tatsächlich bekam ich in der Nacht auf Freitag leichte Krämpfe.
Freitag wachte ich dann von leichten Krämpfen und unglaublichen Kopfschmerzen auf und hatte noch Angst, dass es vielleicht bei meinem Termin beim Amt, wo ich dringend hinmusste, plötzlich losgeht. Ich spazierte dort hin, was auch Wehen fördern soll. Tatsächlich nahmen die krampfartigen Schmerzen dann über den Tag zu und ich ging davon aus, dass ich leichte Wehen haben würde und alles nach höchstens vier Stunden vorbei ist, da ich es so im Internet gelesen hatte und meine Ärztin von einer starken Blutung gesprochen hat. Ich hatte den ganzen Tag kaum Appetit und habe wenig gegessen. Gegen ca. 19 Uhr hatte ich dann erste richtige Wehen, die noch nicht so schmerzhaft, aber schon als Wehen zu erkennen waren. Ich schaute Dokus und versuchte, mich abzulenken, musste zwischendurch weinen und wusste auch nicht, was das richtige Verhalten in so einer Situation war. Durfte ich mich überhaupt ablenken? Sollte ich jetzt nicht richtig trauern? Sollte ich einfach nur dasitzen und mich auf meinen Körper konzentrieren? Ich wusste es nicht, aber tatsächlich wurden die Wehen etwa eine Stunde später so stark, dass ich die Doku ausgemacht und mich immer wieder zusammengekrümmt habe und versucht habe, zu atmen. Ab diesem Zeitpunkt hätte ich sehr gerne Begleitung gehabt. Zwischendurch hat immer wieder meine Mutter angerufen. Als die Wehen stärker wurden, bekam ich Angst, wusste aber nicht, was ich tun sollte, da mein Zwilling arbeiten musste und alle meine Freund*innen und meine Familie nicht in Hamburg waren (bis auf eine, was ich jedoch im Schmerz vergessen habe). Ich war sehr traurig und wollte das Kind unbedingt aufheben und begraben, deshalb habe ich mir ein Sieb neben das Klo gelegt, um es aufzufangen.
Die Wehen wurden immer stärker, gegen 21 Uhr waren sie so stark, dass ich während einer Wehe nicht mehr sprechen konnte und mir ein Video auf YouTube zur Geburtsatmung angeschaut und mitgeatmet habe. Leider habe ich keines speziell für Fehlgeburten gefunden, sodass Sätze wie „Jede Wehe bringt dich deinem Baby näher“ mich zusätzlich auch noch zum Weinen gebracht haben. Außerdem habe ich relativ stark geblutet und musste immer häufiger meine Binde wechseln. Mit dem Blut kamen viele, auch große Klumpen Gewebe heraus.
Die Abstände wurden zunehmend kürzer und die Wehen stärker, zuerst half es mir noch rumzulaufen und verschiedene Positionen einzunehmen, wie z. B. die Haltung des Kindes oder auf allen Vieren. Ich habe auch versucht, meinen ganzen Körper, aber vor allem Bauch und Kiefer so gut wie möglich zu entspannen (der Kiefer ist mit dem Beckenboden verbunden), was geholfen hat. Mit der Zeit wurde ich aber immer schwächer und konnte nicht mehr aufstehen, nichts hat mehr gegen den Schmerz geholfen. Trotzdem habe ich versucht, die Atemübung zu machen. Ich hätte wahnsinnig gerne Traubenzucker gehabt. Ich war so schwach, dass ich es auch nicht schaffte, ins Wohnzimmer zu gehen und Schmerztabletten zu suchen, auch diese hätte ich gerne genommen. Die Blutung wurde immer stärker, sodass ich ca. stündlich meine Binde wechseln musste, also deutlich mehr als bei der Menstruation. Zum Glück rief mich eine Freundin aus Berlin an und stieg sofort in den Zug, ohne sie wäre ich auf jeden Fall ins Krankenhaus gefahren, da ich mir nicht sicher war, ob ich bald ohnmächtig werden würde und ob es normal ist, so viel Blut zu verlieren.
Gegen 0 Uhr waren die Wehen so stark, dass ich es kaum aushalten konnte, ich habe stark geblutet, meine Hände und Füße haben gekribbelt, mir war schwindelig und wurde fast schwarz vor Augen, ich habe nicht mehr normal gesehen, war richtig high, aber nicht auf eine gute Art. Aus Angst, ohnmächtig zu werden, habe ich meine Freundin im Zug angerufen und sie hat mir gut zugeredet, aber vor allem gehört, ob ich noch dran bin.
Mit der Zeit wurde ich immer erschöpfter und die Abstände zwischen den Wehen immer kleiner, es kam viel Gewebe, insgesamt vielleicht eine Hand voll. Da die Abstände so kurz waren, hatte ich das Gefühl, mich zwischendurch nicht mehr erholen zu können. Außerdem hatte ich vorher gelesen, dass der Wehenschmerz zwischen den Wehen komplett abklingt, aber das war bei mir nicht der Fall. Ein leichter bis mittlerer und am Ende sogar starker Schmerz blieb fast immer und mit der Zeit immer häufiger.
Um ca. halb 1 Uhr nachts musste ich mich das erste Mal mit einer Wehe übergeben. Das passierte mehrmals hintereinander mit dem Höhepunkt der Wehe, allerdings konnte ich vor Schwäche und Schmerzen nicht aufstehen und ins Bad gehen. Ich hätte wirklich sehr gerne vorher gewusst, dass manche Menschen sich bei Wehen übergeben müssen! Dann hätte ich mir einen Eimer ein Tuch und ganz viel Tee und Wasser bereitgestellt. Nach dem Kotzen ging es mir für ein paar Minuten gut, ich hatte Energie, konnte aufstehen und das Bett abziehen, Eimer und Lappen holen, meine vollgeblutete Unterhose umziehen und Apfelsaft trinken, der mir auch etwas Energie gab.
Dann kamen wieder Schwäche, Wehen, Schwindel und ich konnte nicht aufstehen. Mit jeder Wehe kamen viel Blut und Gewebe. Ich musste gefühlt ständig pinkeln und meine Binden wechseln, dafür schaffte ich es, aufzustehen, ich war jedoch so schwach und in einem komischen Rausch, dass mir das Sieb und der Embryo egal waren, ich wollte einfach nur, dass es aufhört.
Die Wehen wurden immer stärker, obwohl ich dachte, stärker ginge nicht mehr, sie wurden länger und hatten kürzere Abstände. Meine Erinnerungen sind verschwommen, aber ich weiß noch, dass ich dachte, ich halte es nicht aus. Ich kann einfach nicht mehr, es muss jetzt aufhören, weil ich einfach nicht mehr kann. Aber ich konnte doch noch, mir blieb ja auch nichts anderes übrig.
Gegen 1 Uhr kam meine Freundin. Ich musste mich ein zweites Mal übergeben. Zwischen den Wehen habe ich viel getrunken, auch damit das Kotzen einfacher ist.
Zwischen 1 und halb 2 wurden die Abstände zwischen den Wehen so kurz, dass ich quasi keine Pausen mehr zwischen den Wehen hatte, ich habe mich sehr schwach gefühlt. Meine Freundin wischte mir mit einem kalten Waschlappen das Gesicht ab, was sehr angenehm war in dieser Situation, und legte meine Beine auf Kissen hoch. Das hat sich sehr gut angefühlt und ich konnte den Schmerz wieder besser wegatmen. Mit der letzten großen Wehe musste ich noch mal kotzen und der Embryo kam mit der Plazenta heraus, ich spürte auch, bevor ich es sah, dass es das war.
Die Plazenta hatte ca. 5–7 cm Durchmesser, daran hing Gewebe und die Fruchtblase. Ich wollte erst das Kind suchen, aber habe die Plazenta angefasst und sie hat sich so hart und eklig angefühlt, dass ich es mir nicht so genau angeschaut habe, weil mir vom Spucken so übel war und es so eklig und blutig aussah. Ich habe es dann im Klo heruntergespült. Das hat sich in diesem Moment richtig angefühlt und ich bereue es deshalb nicht, auch wenn ich jetzt denke, ich würde es gerne begraben.
Danach kamen nur noch leichte Schmerzen und ich war energiegeladen und erleichtert, fast fröhlich. Ich war so unendlich erleichtert, dass es vorbei war, dass ich fast vergessen habe, dass es die Geburt meines Sternenkindes war. Danach konnte ich gut und lange schlafen.
Am nächsten Tag hatte ich ein Gefühl von innerer Stärke und körperlicher völliger Erschöpfung. Ich hatte Unterleibsschmerzen, vor allem beim Aufstehen, und eine Blutung wie ca. am stärksten Tag der Menstruation. Mir wurde immer schwindelig, wenn ich aufstand, deshalb lag ich nur herum und habe zwischendurch Mittagsschlaf gemacht. Ich hatte ein starkes Schwächegefühl und wenig Appetit, nahm aber Eisentabletten und trank Eisensaft, außerdem nahm ich schweren Herzens wieder meine Schwangerschaftshormone, da Folsäure für die Blutbildung gut ist. Zum Glück konnte meine Freundin an diesem Tag bleiben, kochte Tee und Essen für mich und war einfach für mich da. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass sie mir das Leben gerettet hatte. Ich wusste, dass ich nicht kurz davor war zu sterben, aber ich war ihr so unendlich dankbar und wusste, dass sie mich vor einem Trauma und/oder einer kleinen Geburt im Krankenhaus bewahrt hatte. Niemand hatte mir gesagt, dass ich danach nicht fähig sein würde, aufzustehen oder selbst leichte Sachen zu heben, ich hätte es niemals geschafft, einzukaufen oder zu kochen. Gegen Abend bekam ich wieder einige wehenartige Krämpfe, die im Gegensatz zum Vortag gar nichts waren, mir aber doch sehr schmerzhaft vorkamen.
Ich weiß, dass es „kleine Geburt“ heißt, und dass sieben Stunden bei einer „normalen“ Geburt nicht lang sind, aber es kam mir vor, wie eine riesige Geburt. Gerade dadurch, dass ich die meiste Zeit alleine war, und dass mich die Wehen nicht meinem Baby, sondern nur dem Ende meines Traums näherbrachten, hat sich die Geburt schrecklich angefühlt. Allerdings war tatsächlich am Ende der Schmerz so dominant, dass ich an gar nichts anderes mehr denken konnte, auch nicht den Tod meines Kindes, was es vielleicht auf eine Art wieder einfacher machte. Mir wurde auch später von einer Bekannten, die selbst eine Fehlgeburt und zwei lebende Geburten hatte, sowie von meiner Hebamme bestätigt, dass sich Fehlgeburten schmerzhafter anfühlen können, weil der Schmerz durch die Trauer eben größer wird. Das hat mich auf eine Art beruhigt, da ich sonst wirklich schreckliche Angst vor einer lebenden Geburt hätte, die ja meistens länger und objektiv viel schmerzhafter ist.
Am 2. Tag nach der kleinen Geburt hatte ich immer noch starken Schwindel und relativ starke Unterleibsschmerzen. Die Blutung war schon schwächer als am Vortag und wurde über den Tag immer schwächer, ca. wie am dritten oder vierten Tag der Periode, war aber noch frisch und rot und es kamen teilweise noch Schleimhautklumpen. Morgens fühlte ich mich kurz sehr einsam, da meine Freundin gehen musste, als ich noch schlief. Jetzt kam auch stärkere Trauer dazu. Ich lag den ganzen Tags herum und ließ meinen Zwilling für mich kochen, der zum Glück frei hatte. Außerdem konnte eine Freundin kurz vorbeikommen, abwaschen und einen kurzen und langsamen Spaziergang mit mir machen, ich musste mich einhaken und war noch sehr schwach. Abends hatte ich wieder wehenartige Krämpfe. Ich machte mir Sorgen und schrieb der Hebamme, die mich eigentlich in der Schwangerschaft hätte betreuen sollen, da Sonntag war und Montag Feiertag. Sie sagte, wenn die Blutung allerhöchstens regelstark ist und nicht wieder stärker wird, muss ich nicht in die Klinik und sie könnte die Tage nach mir schauen. Ich solle mich einfach ausruhen.
Am 3. Tag wurde die Blutung noch etwas schwächer, darin immer noch Gewebe, wieder stärkere Unterleibsschmerzen, sodass ich kaum aufstehen konnte. Die Trauer blieb, aber auch Zuversicht und Stärke.
Die Unterleibsschmerzen haben über den Tag nachgelassen und es kam noch mal ein walnussgroßes, hartes Stück Blut (Koagel) heraus, das mich erschreckt hat und das ich nicht identifizieren konnte, habe dann aber später erfahren, dass es ein Koagel und kein Stück der Plazenta war. Nachmittags war ich wieder kurz mit einem Freund eingehakt spazieren, ansonsten lag ich auf der Couch. Abends hatte ich einen kurzen Energieschub und konnte etwas aufräumen.
Am 4. Tag hatte ich morgens einen kurzen Energieschub und konnte weiter aufräumen. Die Blutung und Unterleibsschmerzen wurden wieder stärker, auch Schwindel und große Müdigkeit, was mir Sorgen machte, aber die Hebamme kam vormittags, nahm mir Blut ab, um meinen Eisenwert zu prüfen und meinte, dass es, wenn es nicht bedrohlich wirkt, reicht, wenn ich morgen zur Ärztin gehe, da ich sowieso noch einen Termin bei ihr hatte. Ich sollte die Blutung aber abklären lassen, allerdings sei eine Blutung bis zu einer Woche normal. Im Internet habe ich auch 10 Tage bis zwei Wochen gelesen. Sie sagte auch, dass ich wohl einen sehr sensiblen Uterus habe, deshalb starke Wehen und auch jetzt noch Unterleibsschmerzen habe und dass das auch von Vorteil sein kann, da man, wenn man den eigenen Körper kennt und gut spürt, schnell merkt, wenn etwas schief läuft. Bezüglich Rückbildung muss ich keinen Kurs machen, sondern kann einfach wieder anfangen, Sport zu machen, sobald ich mich danach fühle. Eine Freundin kam kurz vorbei und ich konnte eine halbe Stunde langsam spazieren. Danach war mir wieder etwas schwindelig und ich legte mich lieber wieder hin. Jetzt kamen nur noch ganz kleine und wenige Gewebeteile mit dem Blut heraus.
Die Hebamme hat außerdem betont, dass ich mir Trauer, aber auch Freude erlauben muss, beides ist berechtigt und wichtig. Ich kann mich außerdem weiterhin bei ihr melden. Ihr Besuch hat mir sehr geholfen, auch einfach durch das Verständnis, das ich von ihr bekommen habe. Ich würde das jeder Person empfehlen, auch wenn ich mich eigentlich gar nicht social gefühlt habe und meine Wohnung komplett scheiße aussah, was sie aber natürlich nicht gestört hat.
Ich habe mich noch mal für 7 Tage krankschreiben lassen.
Am 5. Tag hatte ich morgens meinen Arzttermin, war sehr aufgeregt und es war hart mit vielen Schwangeren in der Praxis. Mir wurde immer noch schnell sehr schwindelig und ich musste mit dem Taxi zur Praxis fahren, da ich den Weg zur Bahn nicht alleine geschafft hätte bzw. mir nicht zugetraut habe. Ich hatte sehr Angst vor dem Ultraschall, weil ich noch so Unterleibsschmerzen hatte und sich alles offen anfühlte, er war aber gar nicht schlimm und überhaupt nicht schmerzhaft. Ich sagte ihr außerdem, dass ich wegen ihrer Aussage dachte, es käme nur eine starke Blutung und dass ich gerne auf die Wehen und die kleine Geburt vorbereitet gewesen wäre. Sie sagte, dass es in vielen Fällen eben nur eine Blutung sei und es ihr Leid tue, „dass es bei mir so scheiße war“. Bei der Ärztin habe ich auch gemerkt, dass meine Blutung fast aufgehört hat und ich nur noch eine ganz leichte bräunliche Schmierblutung habe. Auf dem Ultraschall sah sie dann, dass mein Uterus leer ist, bis auf wenige kleine Schleimhautreste, das heißt, dass alles abgegangen ist und ich nicht noch nachträglich zu einer Ausschabung muss. Es sollte in den nächsten Tagen aufhören, zu bluten. Die Ärztin sagte außerdem, dass die Unterleibsschmerzen vom Zusammenziehen bzw. der Rückbildung des Uterus kommen und ganz normal sind. Sie betonte auch noch mal, dass die Fehlgeburt nicht meine Schuld war und sie selbst hatte auch eine Fehlgeburt vor der Geburt ihres Sohnes. Sie versicherte mir auch, dass starke Trauer normal ist, auch durch den plötzlichen Abfall der Schwangerschaftshormone, und sie auch erstmal nur im Bett lag und geweint hat, als sie ihre Fehlgeburt hatte. Sie hat mir den Kontakt einer Therapeutin gegeben, falls es mir zu schlecht geht. Sie sagte außerdem, dass alles, was aus dem Uterus herauskommt, steril ist. Es gibt nämlich einen alten Mythos, dass die Wundflüssigkeit und Gewebe infektiös und gefährlich seien und man sehr aufpassen müsste. Natürlich muss man jedoch andersherum aufpassen, dass nichts in den Uterus hineingelangt, man also die Vulva nur mit sauberen Händen anfasst etc. Da alles abgeblutet ist, darf ich jetzt schon wieder ins Schwimmbad, Sauna, Badewanne, Sport machen etc. Allerdings fühle ich mich noch gar nicht danach. In 3 bis 4 Wochen kommt wahrscheinlich wieder die erste Periode, das kann aber von Person zu Person unterschiedlich lang, auch deutlich länger dauern. Sie sagte außerdem noch mal, dass es mein Risiko auf eine zweite Fehlgeburt nicht erhöht. Während der kleinen Geburt hätte ich Schmerzmittel (Ibu, Paracetamol) nehmen dürfen. Jetzt im Nachhinein kann ich Buscopan und eine Wärmflasche nehmen.
Danach holte mich eine Freundin ab, was sehr beruhigend war, und ich trank meinen ersten Kaffee und fühlte mich viel fitter. Wir waren auch kurz spazieren, allerdings fuhr ich dann wieder mit dem Taxi heim, da ich mich nicht übernehmen wollte, meine Kraft nachließ und die Unterleibsschmerzen und Schwindel wieder zunahmen.
Die Hebamme meldete sich dann mit meinen Ergebnissen, das Blutbild ergibt nur einen leichten Eisenmangel. Abends wurde die Blutung wieder etwas stärker, aber weniger stark als die Tage davor.
Jetzt bin ich sehr froh, dass alles überstanden ist und mein Körper es selbst geschafft hat, auch wenn es hart war. Die Blutung ist nur noch eine sehr leichte Schmierblutung. Damit ich nicht in eine Depression rutsche oder mich zu sehr abkapsel, habe ich mir für jeden Tag eine Telefonverabredung oder eine echte Verabredung geplant. Ich habe außerdem Internetseiten und Instagramaccounts zum Thema Fehlgeburten gesucht, um mich mit Leidensgenoss*innen verbunden zu fühlen und Kontakt zu haben. Auch das Schreiben dieser Chronik und des Textes helfen mir bei der Trauerbewältigung. Ich weiß, dass ich nicht ganz so traurig bin, wie andere Sterneneltern, ich fühle mich sogar auf eine merkwürdige Weise gut, da ich etwas sehr Schwieriges fast alleine geschafft habe und es endlich vorbei ist. Aber auch das möchte ich hier ansprechen, ohne anderen ihren Schmerz abzusprechen, weil ich zwischendurch das Gefühl habe, nicht traurig genug zu sein oder ein schlechtes Gewissen habe, dass ich nicht komplett am Boden zerstört bin. Trauer sieht eben für jede*n anders aus und das ist ok. Gleichzeitig weiß ich, dass Trauer nicht linear verläuft und ich mich wahrscheinlich gerade in einer sehr guten Phase befinde, auf die auch wieder schlimme Phasen folgen werden. Aber erstmal bin ich froh, dass es mir gerade den Umständen entsprechend gut geht.
Am 6. Tag ging es mir schon viel besser, ich habe mich fast fit gefühlt und mich das erste Mal getraut, alleine spazieren zu gehen. Trotzdem habe ich mich noch geschont, um mich nicht zu übernehmen und war auch noch nicht auf einem normalen Energielevel. Auch kopfmäßig war ich noch nicht wieder ganz fit, verwendete oft falsche Wörter usw. Die Blutung war zwischendurch auch wieder frisch und rot, aber ziemlich schwach. Ein kleines Gewebeklümpchen kam noch.
Am 7. Tag fühlte ich mich körperlich fast wieder normal und hatte nur noch eine Schmierblutung, jedoch wurde ich jetzt plötzlich viel trauriger, als die Tage davor. Ich denke jetzt heißt es einfach abwarten, sich Gutes tun, Trauer, aber auch Freude zulassen, … Es wird bessere und schlechtere Zeiten geben.
Nachtrag: Meine erste Periode kam 3 1/2 Wochen nach der kleinen Geburt. Sie war extrem stark und hat neun Tage gedauert. Auch die Schmerzen waren ungewöhnlich stark und es kamen noch Reste der Schleimhaut heraus. Insgesamt war es sehr belastend und auch hierauf wäre ich gerne vorbereitet gewesen. Bei der zweiten Periode war wieder alles wie gewohnt.
Meinen Bauch habe ich etwa drei Monate lang nicht gespürt, abgesehen von den Schmerzen. Ich habe mir Sorgen gemacht, dass es so bleibt und nicht normal ist, bis ich bei der Massage war. Die Masseurin, die zufällig selbst eine Fehlgeburt hatte, meinte, es sei normal, seinen Bauch danach länger nicht zu spüren. Die Massage hat geholfen und ab dann kam das Gefühl langsam wieder zurück.
Chronik von Lottes Fehlgeburt
Ich habe drei Schwangerschaften erlebt. Meine erste Fehlgeburt fand vor vielen Jahren in der 22. Schwangerschaftswoche statt. Kein Jahr später erlebte ich eine komplikationslose Schwangerschaft. Nach einem langen Wunsch nach einem Geschwisterkind wurde ich endlich wieder schwanger. Von dieser kleinen Geburt möchte ich hier berichten.
Dies ist meine zweite Fehlgeburt, ich vergleiche viel mit meiner ersten, die doch aber, da viel später und unter ganz anderen Umständen (studierend, ohne schon Elternpaar zu sein, mit viel Unsicherheit, in einer Klinik) kaum miteinander zu vergleichen sind. Dennoch wird es an der einen oder anderen Stelle diesen Text prägen. Ich möchte damit nicht den Eindruck vermitteln, dass der eine oder der andere Verlauf besser ist, prägender oder traumatischer. Für mich persönlich war meine zweite Fehlgeburt dennoch leichter auszuhalten, auch, weil die Bindung zum Kind noch nicht da war, die Lebensveränderung, die unser zweites Kind mit sich bringen sollte und die plötzlich wieder wegfiel, nicht so verändernd ist, wie bei unserem ersten Sternenkind. Daher spreche ich auch viel von „Embryo“ und „Schwangerschaft“. Ich berate außerdem beruflich Menschen, die einen Schwangerschaftsabbruch wünschen, ich kenne mich also, zumindest theoretisch, gut aus und dachte zumindest zu wissen, was auf mich zukommt.
Es fing mit Schmierblutungen in der 9. SSW an. Ich wusste, dass diese mich nicht beunruhigen sollte, sondern ganz normal sind. Als diese einigen Tage später wieder auftauchten und ich auch, ganz normale, Rückenschmerzen bekam, versicherte ich mich doch bei einer befreundeten Hebamme, dass dies alles normal ist.
Ich bekam trotzdem ein schlechtes Gewissen, das mich in meinen Schwangerschaften immer begleitete, weil es mir so schwer fällt auf meinen Körper zu achten und mich zu schonen.
Früh morgens wachte ich dann auf und musste pinkeln. Ich tastete schon einige Zeit meinen Muttermund ab um zu schauen, wie sich der Ausfluss entwickelt, da sah ich etwas frisches Blut. Bei weitem nicht menstruationsartig, wie es meine Freundin beschrieb, aber doch so, dass es mich beunruhigte. Ich weckte meinen Partner, wir waren etwas ratlos. Wir waren in einer fremden Stadt, es war Sonntag, auch am nächsten Tag ein Feiertag. Zeitnah einfach eine Praxis aufsuchen war nicht möglich. Meine Mutter schlief im Nebenzimmer, die empfahl uns in einer Klinik anzurufen, einfach nur um sicher zu gehen. Unser Kind schlief zum Glück noch. Wir nahmen uns also ein Taxi und fuhren in die nächstgelegene Klinik. Es war noch ziemlich früh am Morgen.
Wir wurden nicht so freundlich begrüßt, die Hebamme vor Ort wollte meine Binde sehen, wahrscheinlich um einzuschätzen „wie ernst es ist“. Ich hatte ja gar keine Binde, irgendwas wollte sie aber trotzdem sehen. Das war ein komischer Moment, ich hatte das Gefühl mich rechtfertigen zu müssen in die Klinik zu gehen, obwohl ich vorher sogar angerufen hatte und fragte ob ich vorbeikommen könne. Wir warteten dann noch zwei Stunden bis wir zur Ärztin konnten. Ich hatte dafür Verständnis, es wirkte trubelig im Gang, mit dem Ankommen auf Station, war es dennoch ein blödes Gefühl.
Die Ärztin war dann aber sehr verständnisvoll, beruhigte mich, dass eine Schmierblutung normal sei und machte schnell einen Ultraschall. Sie konnte keinen Herzton finden. Sie war dabei sehr ruhig und erklärte uns auch sofort, was sie (nicht) sah. Zur Sicherheit holte sie dennoch die Oberärztin hinzu, die wiederum eher hektisch wirkte. Sie übergab schnell wieder an ihre Kollegin, da sie in einen Kreißsaal musste. In all ihrer Hektik schaltete sie das Ultraschallgerät schon aus, darüber bin ich im Nachhinein sehr traurig, ich hätte gerne noch ein Bild gehabt und auch die Größe des Embryos gewusst. Die Ärztin gab uns Zeit und erklärte uns ganz ruhig, was wir für Optionen haben und vor allem, dass wir in aller Ruhe und vor allem in unserer Stadt, mit meiner Ärztin/Hebamme entscheiden können.
Wir verließen die Klinik und nahmen uns noch etwas Zeit bevor wir zurück ins Hotel fuhren. Dort herrschte gedrückte Stimmung, wir erklärten Lovis was los war. Wir hatten ihr von ihrem Sternen-Geschwisterkind erzählt, sie konnte etwas damit anfangen, dass Babys auch im Bauch versterben. Am Mittag nahmen wir dann unseren Zug nach Hause.
Tag 1
In der Nacht fing meine Blutung an. Ich war sehr froh darüber noch im Bahnhof noch Binden besorgt zu haben, sonst hätte ich keine im Haus gehabt. Jonas und ich verbrachten den Tag ruhig. Lovis war unterwegs mit ihrer Oma. Mitbewohnis versorgten mich mit weiteren Binden und Schmerztabletten. Wir gingen eine kleine Runde spazieren und kontaktieren eine Vertretungshebamme. Durch meine Erfahrung in der Schwangerenberatung dachte ich zu wissen, was mir ungefähr bevorsteht und worauf ich achten muss. Dennoch war es gut zu hören, dass ich, jetzt wo die Blutung anfing, nicht noch zu meiner Gynäkologin muss oder gar in die Klinik. Sie erklärte mir, dass die Geburt ca. 3 Tage braucht und ich, wenn ich das will, ein Sieb nutzen kann um den Embryo aufzufangen.
Generell war ich sehr froh, dass ich keine Entscheidung darüber treffen muss ob ich eine Geburt abwarte oder zu welchem Zeitpunkt ich mit Medikamenten nachhelfe (die ich womöglich in einer Praxis oder in der Klinik hätte nehmen müssen, obwohl der sogenannte home-use zugelassen und sicher ist). Auch eine Operation stand noch im Raum. Durch meine Erfahrungen mit meiner ersten Fehlgeburt, war ich mir nicht sicher, ob ich gleiches nochmal durchstehen möchte.
Nun hieß es also abwarten, in Ruhe bluten. Ich wollte lieber allen Menschen aus dem Weg gehen, was in unserer Wohnform sehr schwierig ist. Dennoch fand ich draußen im Schatten ein Plätzchen zum ungestörten Hinlegen. Jonas trauerte auch, war enttäuscht und frustriert, aber hatte natürlich keine körperlichen Beschwerden. Ihm tat es gut rauszukommen und was zu tun, so konnten wie beineinanander sein – er am Werkeln im Garten, ich am Bluten im Schatten. Tatsächlich musste ich fast stündlich meine Binde wechseln, dies war, so wusste ich, für einen gewissen Zeitraum normal. Beim Aufstehen merkte ich auch häufig, dass klumpiges abgeht. Ich war sehr froh über meine Popodusche mit der ich regelmäßig meine Vulva abbrausen konnte.
Abends wurde für uns gekocht und ich schaffte es sogar mich zu vertrauten Mitbewohnis auf die Terrasse zu setzen. Meine Schmerzen waren weiterhin, mit Schmerztabletten, moderat.
Tag 2
Der zweite Tag verlief ganz ähnlich. Ich hatte weiterhin Blutungen und moderate Schmerzen. Lovis konnte glücklichweise in die Kita und wurde am Nachmittag von Mitbewohnis abgeholt und bis zum Abend betreut. Ich war selbst überrascht, wie wenig ich trauerte. Ich war entäuscht, frustriert und deprimiert. Aber ich fürchtete mich eher vor dem was mir bevorstand, als dass ich um ein Baby, eine Zukunft oder einen Lebensentwurf trauerte. Ich habe Angst, wieder, wie damals nach meiner ersten Fehlgeburt, nicht aus meinem Bett rauszukommen, keine Kraft zu haben für Verabredungen. Und ich fürchte mich vor dem erneuten Kinderwunschzirkus. Dem leben nach dem Zyklus. Abwarten, hoffen, bangen, enttäuscht werden. Abwarten, hoffen, bangen, enttäuscht werden. Der Frage, wie viele Zyklen noch, was sind nächste Schritte, beschäftigte uns vor Eintreten der Schwangerschaft sehr. Umso doller hatten wir uns gefreut.
Im Verlauf des Tages wurde meine Blutung schwächer. Ich war etwas überrascht, ich hatte nicht gedacht, dass es das schon gewesen sein konnte. Auch war ich traurig um eine fehlende Erinnerung. Meine Recherche über Verläufe von Fehlgeburten führten ins Leere. Es gibt schlicht keine Erfahrungsberichte, keine Beschreibungen von wann bis wann Blutungen vorhanden sind. Ich konnte etwas auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. Auch wusste ich theoretisch, wie ein medikamentöser Abbruch abläuft. Aber wie nun diese Geburt in dieser Schwangerschaftswoche ablaufen könnte, ob das zurückgehen der Blutung normal sein kann, das konnte ich nicht rausfinden.
War der Embryo vielleicht schon am Vortag abgegangen? Nichts zu begraben, kein letztes Ultraschallbild, aus Sorge um eine fehlende Erinnerung entschied ich, etwas Blut aufzufangen. Da ich, im Gegensatz zum Vortag, auf Klo nicht mehr viel Blut auffangen konnte, nahm ich eine Menstruationstasse (auch wenn man diese, genauso wie Tampons, während und nach einer Fehlgeburt, genauso wie nach einer großen Geburt, nicht benutzen sollte, um Infektionen zu vermeiden!). Mit dem aufgefangenen Blut malte ich ein Bild, ein kleines Herz. Dies war irgendwie auch eine kleine Beschäftigung, ein näher kommen mit dem Baby, Süßling war unser Arbeitstitel, verliehen von Lovis.
Tag 3
Am kommenden Tag kam ich viel besser aus dem Bett als zuvor. Ich hatte nur leichte Blutung, die Schmerzen ließen auch etwas nach. Ich stand mit Lovis und Jonas auf, rödelte etwas, duschte, rahmte das Bild ein. Wir wollten vormittags zu meiner Hausärztin fahren für meine AU. Während des Frühstücks merkte ich dann doch Krämpfe, mir wurde auch etwas übel. Ich nahm eine Tablette, die erste an diesem Tag. Trotzdem bekam ich beim Frühstück kaum was runter, beim Zähne putzen musste ich mich plötzlich hinsetzen. Die Schmerzen kamen ganz plötzlich und waren heftig. Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Ich nahm eine zweite Tablette. Mir war kalt, ich war schlapp, meine Beine kribbelten. Ich legte mich aufs Sofa, vielleicht war es nur der Kreislauf? Schwindelig und übel wurde mir auch. Ich wand mich vor Schmerzen. Jonas half mir ins Bett zu kommen er war selber ganz überrascht und hilflos. Ich nahm eine zweite Tablette, ich wusste, mehr geht erstmal nicht. Im Bett wand ich mich weiter, Jonas holte eine Schüssel, falls ich spucken muss, deckte mich zu, legte Unterlagen unter. Durch Lovis geplante Hausgeburt waren wir etwas vorbereitet. Ich hockte, stöhnte, setze mich, keine Position war mir angenehm. Ich fragte mich, wie ich meine letzten beiden Geburten überstanden habe und das über viele, viele Stunden. Ich wusste nicht, wie lange ich dies aushalten konnte. Ich wusste, die starken Schmerzen, der eigentliche Abgang bei einem Schwangerschaftsabbruch, ausgelöst durch Medikamente, dauert ca. 2 bis 3 Stunden. Ich war jedoch schon 2 bis 3 Wochen weiter als ein medikamentöser Abbruch in Deutschland erlaubt ist, außerdem hatte ich keine Medikamente genommen, die meinen Uterus „unterstützen“.
Was ich aber wusste ist, dass meine Krämpfe wehen sind, dass die Geburt jetzt stattfindet. Ich hatte den Eindruck, zwischen den Wehen kaum Pausen zu haben und diese waren auch nicht viel weniger schmerzhaft. Wir sprachen der Hebamme auf die Mailbox, nach einiger Zeit, es waren vielleicht 10 Minuten, aber mir kam es wie eine Ewigkeit vor, rief sie uns zurück. Sie bestätigte, dass dies Wehen sind, und sagte mir, dass dies nicht länger als bis zum Nachmittag dauern sollten. Das klang nach einer langen Zeit! Sie empfahl Wärmflaschen, die nutzte ich schon seit Tagen, und, da ich schon das Maximum an Ibuprofen nahm, Buscopan+. Wir baten einen Mitbewohner uns Buscopan zu besorgen. Das Telefonat und die enthaltene Absicherung, das alles normal ist, tat gut. Ich hatte den Eindruck, die Wehen kommen etwas langsamer, als würden sie sich einpendeln. Und so plötzlich wie der Schmerz gekommen ist, hörte er auch wieder auf. Ich war selbst ganz überrascht und Jonas noch viel mehr, als ich aufstand, um auf Klo zu gehen. Meine Binde war noch gar nicht so voll, beim Beckenboden entspannen ging aber noch einiges an Blut und Schleimhaut ab. Nach dem Pinkeln, als ich schon kein Sieb mehr zu auffangen nutzte, ging plötzlich der Embryo ab. Mein Gefühl, kacken zu müssen war eigentlich schon seit einer Weile der Embryo der noch ein kleines Pressen benötigte. Von meinen vorherigen Geburten hätte ich wissen können, dass der Druck des Babys vorm Muttermund und das aktive Pressen tatsächlich dem beim Kacken gleicht.
Nun ist Süßling also doch im Klo gelandet, ich überwand mich, ihn rauszufischen und wusch in etwas ab. Ich konnte kaum was erkennen, war aber erstaunt, wie groß es doch war. Ich war ziemlich überfordert, den Embryo in der Hand, verschmierte Hände, wohin jetzt damit? Ich wusste, Jonas möchte den Embryo nicht sehen, schon gar nicht anfassen. Vorerst bewahrte ich Süßling in einem Schraubglas, das wiederum in einer Brottüte steckte, auf und stellte dies in den Kühlschrank.
Von plötzlicher Müdigkeit übermannt, legte ich mich erschöpft ins Bett und schlief 2 Stunden lang
Jonas brachte mir Essen und mir war auch wieder nach Bewegung. Unsere übliche kleine Spaziergehrunde war dann aber doch ganz schön anstrengend. Den Nachmittag verkroch ich mich wieder im Schatten im Garten während Lovis glücklicherweise von Oma abgeholt und bespaßt wurde.
Tag 4
Am kommenden Tag konnte Jonas sich nicht mehr frei nehmen. Für Lovis war Betreuung organisiert, aber den Tag verbrachte ich alleine. Während es mir körperlich besser ging – die Blutung wurde wieder weniger, ich hatte kaum noch Schmerzen, war mir weiterhin nach verkriechen. Ich rief meine Gyn für einen Nachsorge Termin an und hatte das Gefühl mich dafür rechtfertigen zu müssen, die Praxis nicht früher informiert zu haben. Dies verunsicherte mich sehr, obwohl ich mich bei einer Hebamme rückversichert habe, dass, ohne Fieber, starke Übelkeit etc. keine Eile besteht. Bei meiner Hausärztin besorgte ich mir eine Krankschreibung für die vergangenen Tage bis zu meinem Gyn-Termin am kommenden Montag. Dies war glücklicherweise ganz unkompliziert.
Als nachmittags die Betreuung doch wegen Krankheitsverdacht ausfiel war ich ganz schön fertig, ich holte Lovis ab, besorgte endlich Binden nach meinem Geschmack. Ausgelaugt verbrachte ich den Rest des Nachmittags im Bett, Lovis freute sich über ihr Glück viel auf dem Tablet schauen zu können.
Tag 5
Am nächsten Tag holte ich Lovis das erste Mal wieder von dir Kita ab – ich wollte sie nach Hamburg zu ihrer Tante bringen die das Wochenende mit ihr verbracht. Das war super anstrengend. Während ich in der Kita das Gefühl hatte, alle starren mich mitleidsvoll an (wir hatten über die Fehlgeburt informiert, falls Lovis davon erzählt und dies nicht eingeordnet werden kann) half mir die Anonymität in der Bahn mich nicht komplett überfordert zu fühlen. Die Aussicht auf ein freies Wochenende war sehr befreiend. Abends ruhte ich mich aus, ich war sehr müde. Wir waren zum Kochen verabredet, ich kam letztlich aber erst zum Essen und genoss dann aber auch, liebe Menschen um mich zu haben. Meine Überanstrengung merkte ich dann daran, dass meine Blutung plötzlich wieder stärker wurde, nun kamen nochmals größere Klümpchen heraus. Schmerzen hatte ich aber seit der Geburt kaum mehr.
Tag 6
Am Samstag musste Jonas arbeiten, ich schlief aus und versuchte den Tag schön zu gestalten. Das gelang ganz gut mit etwas Gartenarbeit. Ich erledigte sogar ein paar Reparaturarbeiten mit der Nähmaschine. Es tat mir gut etwas zu tun. Ich konnte abschalten, war abgelenkt und produktiv. Nachmittags war Jonas wieder da. Wir planten einen Ausflug, um Abschied von Süßling zu nehmen. Wir gingen auf eine kleine Lichtung, die wir auch hin und wieder mit Lovis besucht hatten. Dort begruben wir den Embryo. Ich bin nicht der Mensch, der Rituale braucht oder ein Grab. Ich fand die Vorstellung auch komisch, Süßling auf unserem Grundstück zu begraben – was wäre wenn wir wegziehen, wenn wir an der Stelle plötzlich ein Beet umgraben wollen? Der Gedanke beengte mich eher, daher finde ich den Ort, den wir hin und wieder für ein Picknick besuchen sehr schön – Süßling wird auch dort sein. Wir nahmen uns die Zeit miteinander zu sprechen, auch über das „was jetzt?“ - wollen wir es wieder versuchen, schwanger zu werden? Wann? Was für Ängste spielen rein? Gehen wir gleich ins Kinderwunschzentrum oder lassen wir uns Zeit? Dieser Moment tat sehr gut, es war ein Abschied nehmen und auch das Ende eines Abschnitts. Trauer, Schmerz und Enttäuschung waren zwar noch nicht vorbei, aber ich hatte das Gefühl, das schlimmste hinter mir gelassen zu haben und gut dadurch gekommen zu sein.
Tag 8
Heute hatte ich meinen Gyn-Termin. Bis heute war ich krankgeschrieben. Mir ging es körperlich gut und auch psychisch hatte ich das Gefühl stabil zu sein – mit dem Wissen dass ich in den letzten Tagen auch nur Dinge getan habe, die mit guttun. Ich konnte viele Verpflichtungen – Kind, kochen, putzen abgeben und war nicht lohnarbeiten. Meine psychische Gesundheit und ob und wie lange ich weiter krankgeschrieben werden sollte wollte ich beim Termin ansprechen. Zuerst ging es aber darum, ob es noch einer Ausschabung bedarf.
Meine Ärztin war einfühlsam, wenn ich auch fand, dass sie die Wahrscheinlichkeit, dass es noch eine Ausschabung braucht als zu groß einschätzte. Wir machten schnell einen Ultraschall und tada, ich brauchte keine! Ich war tatsächlich sehr erleichtert! Dennoch hatte ich im Nachhinein ein blödes Gefühl, da es bei dem Termin nur um die physische Gesundheit, nicht um die psychische ging. Mir wurde nochmals erklärt, wie lange ich mit Schmierblutungen rechnen muss (uneinschätzbar, bis zur nächsten Blutung normal), wie lange ich nicht baden darf (ab dem 4. Tag nach der Blutung) und wann ich wieder schwanger werden kann (theoretisch sofort). Sie empfahl mir außerdem, diesen Zyklus zu verhüten, einfach um das ganze hinter mir lassen zu können. Wie lange ich eine Auszeit hatte und brauche, das Trauern normal ist etc., fand keinen Platz bei dem Termin.
„Danach“
Dennoch ring ich mich dann dazu durch, mich für die Woche noch über meinen Hausarzt krank zu melden. Es fiel mir total schwer, weil es mir ja gut ging und ich das Gefühl hatte, es mir nur gut gehen zu lassen – mit dem Wissen, dass es mir höchstwahrscheinlich anders auch echt schlecht gehen würde. Glücklicherweise zeigte meine Leitung großes Verständnis. Und ich merkte wie erleichtert ich mich fühlte, als die Entscheidung gefällt wurde.
Meine Hausärztin war auch wieder sehr unkompliziert und empfahl mir, mich einfach bis zur anstehenden Kur 2 Wochen später, krank zuschreiben. Diesen Gedanken hatte ich zwischendurch selber, aber es kam mir total viel vor „wegen einer Fehlgeburt“ fast 3 Wochen abwesend zu sein, zumal ich daran anschließend weitere 4 Wochen fehlte. Da dachte ich vor allem an meine Kolleg*innen an anstehende Aufgaben, an das „wie sieht das denn aus“. Gleichzeitig war es total richtig und gut. Und ja, das ganze wegen einer Fehlgeburt. Physisch war ich fit, psychisch brauchte ich Zeit, das zeigten mir in den kommenden Wochen einige Momente, wo meine Nerven auf die Probe gestellt wurden. Ich war weniger geduldig mit Lovis und als diese auch noch krank wurde merkte ich, wie sehr ich Ruhe und Pausen für mein psychisches Gleichgewicht brauchte. Abends war ich auch zwei Wochen später immer wieder ausgelaugt, mit dem Nerven am Ende. Ich brauchte viel Ruhe und Rückhalt, das wahrzunehmen und auch gegenüber Jonas auszusprechen und zu fordern – so dass er auch nochmals frei nimmt, um die kranke Lovis zu hüten, fiel mir schwer. Gerade auch, weil ich zwischendrin auch schöne Momente erfahren konnte, die mir guttaten, mich teils auch immer wieder überforderten und ich mich zurücknehmen musste – beispielsweise auf einer Hochzeitsfeier. Es war ein ständiges Balancieren an der Grenze zwischen schöne Momente genießen und zu viel Trubel zu haben.
Ca. eine Woche später hatte ich auch einen Termin bei meiner regulären Hebamme. Sie nahm sich Zeit mir zuzuhören und ich konnte noch einige Fragen stellen, Erlebtes besser einordnen. Das Gespräch tat sehr gut – jede Person hat bis zu 3 Monate nach einer Fehlgeburt Anspruch auf Hebammenleistungen!
Neuer Zyklus
Nun sind 5 Wochen vergangen. Nach 34Tagen bekam ich meine Menstruation – nur wenige Tage später als mein Zyklus vor der Schwangerschaft dauerte. Ich hatte den Eindruck besonders sensibel, traurig, PMS-belastet zu sein. Vielleicht ist das Zufall, ein stärkeres Wahrnehmen. Ich empfand den Beginn des neuen Zyklus aber auch als zweiten Abschied von Süßling. Die Fehlgeburt lag jetzt wirklich hinter mir, mein Körper ist schon zwei Schritte weiter. Erinnerungen kamen hoch, die aber auch schnell wieder verarbeitet werden konnten.
Die Kur war lange geplant und gleichzeitig hätte sie nicht besser liegen können. Ich hatte hier Gelegenheit zum Abschalten, Abstand nehmen und Gedanken sortieren. Ich habe sorge vor dem anstehenden Alltag, der schon so lange hinter mir liegt, gleichzeitig konnte ich mir Gedanken machen, wie ich im Arbeits- und Privatleben mit der Fehlgeburt umgehen möchte und was ich in bestimmten Situationen brauche. Ich nehme mir vor, von der Fehlgeburt zu erzählen – dies fiel mir nach meiner ersten Fehlgeburt sehr schwer – sie ist Teil meiner Lebensbiographie. Ich habe schwere Wochen hinter mir, ich habe den Beginn von 3 Schwangerschaften erlebt, ich habe drei Geburten erlebt – all das gehört zu mir und ich möchte es nicht verschweigen. Außerdem werden Fehlgeburten und die Trauer darum zu sehr tabuisiert. Das zeigen allein die wenigen Informationen im Netz darüber wie auch der Umgang, erst nach der 12. Woche von einer Schwangerschaft zu erzählen – nur aus Angst darüber sonst auch von einer Fehlgeburt erzählen zu müssen?! Was machen die Personen denn dann mit ihrer Trauer? Was erzählen sie ihrem Umfeld wenn sie mehrere Tage „krank“ sind. Das Schweigen darum macht es für die Betroffenen nicht leichter.
6 Monate später
Nun wäre der Geburtstermin gewesen. Für eine kurze Zeit dachte ich, dass sich zu dieser Zeit vieles noch verändern würde. Daran muss ich viel denken. Es ist wichtig darüber zu reden und doch merke ich, dass mein Umfeld – und auch ich – weitermacht. Mir geht es gut, und doch kommen gerade in den letzten Tagen Augenblicke der Trauer. Für mich sind diese Wochen eben keine, wie andere auch. Mir fällt es nicht leicht mein Vorhaben auch in die Tat umzusetzen – zu erzählen. Wie erzähle ich Freund*innen davon, die ich selten sehe, die nichts von der Schwangerschaft wussten. Es fällt mir immer noch schwer, den Moment zu finden, mit der Betroffenheit des Gegenübers umzugehen. Ich muss mir immer wieder sagen: Diese Geschichte ist ein Teil von mir und das Verarbeiten gehört zu meinem Alltag.
Lotte hat inzwischen zwei Kinder.